Landesverband: Von Chorsterben keine Spur

Musik Im Kreis finden sich zunehmend spontan und auf Zeit angelegte Ensembles

Von Marcelo Peerenboom und Cordula Kabasch

M Kreis Altenkirchen/Kreis Bad Kreuznach. Von wegen Chorsterben: Nach wie vor singen rund 37 000 Männer und Frauen in etwa 1600 Chören und Vokalensembles, die dem Chorverband Rheinland-Pfalz angehören. Dieses Fazit zieht jedenfalls Karl Wolff aus Birnbach, Präsident des Chorverbands Rheinland-Pfalz. Nicht ganz so überschwänglich gibt sich der Kreuznacher Kreis-Chorvorsitzende Herbert Drumm.

Wenn Karl Wolff über die mehr als 100 000 Mitglieder in den 25 Kreis-Chorverbänden spricht, dann sprüht er vor Begeisterung und ist ganz angetan von der Qualität des Gesangs. Vorbei sind die Zeiten, als Chorgesang ein Fall für betagte Herren mit zittriger Stimme war. Heute geht es um hohes Niveau, gut ausgebildete Dirigenten und abwechslungsreiche Gesangsliteratur. Kein Wunder also, dass es vor allem Männergesangvereine sind, die nach und nach aufgeben müssen, wie Karl Wolff berichtet.

Mehr Sänger gewonnen

„Ja“, sagt er, „wir haben etwa 200 Chöre verloren. Aber wir haben mehr als 250 neu gewonnen.“ Und das sind Wolff zufolge die, denen dieZukunft gehört: junge, frische Ensembles, die sich an Bach-Kantaten genauso wagen wie an deutschsprachigen Popgesang. Wolff weiß: „Wenn die Qualität stimmt, dann kommen die Leute auch.“ Besonders regen Zulauf haben Projektchöre, die sich für eine ganz bestimmte Aufführung zusammenfinden. Chorleiter Marco Lichtenthäler aus Forst beispielsweise stellt jedes Jahr einen solchen Projektchor auf die Beine. Aktuell arbeitet er mit Sängern und Musikern am Projekt „Fantastic Musical Moments“, das am 12. März in Wissen aufgeführt wird.

Verbandschorleiter Michael Rinscheid kann überdies viele Beispiele anführen, die zeigen, dass sich in der rheinland-pfälzischen Gesangslandschaft vieles verändert hat. Beispielhaft nennt er das Chorleitersymposium, das zu Jahresbeginn in Montabaur stattfand, das überbucht war und in dem es in Workshops um eine weitere Verbesserung der Qualität ging. Ein gestiegenes Niveau macht Rinscheid auch beim Meisterchorsingen aus: „Die teilnehmenden Chöre haben erkannt, dass es längst nicht mehr ausreichend ist, die Literatur sauber zu singen. Es braucht einfach noch das Quäntchen mehr.“

Ein Dorn im Auge ist den Verbandsvertretern, dass Musikunterricht in der Schule und in der Lehrerausbildung so gut wie keine Rolle mehr spielt. „80 Prozent des Musikunterrichts werden fachfremd erteilt“, ärgert sich Karl Wolff. Jugendreferent Mario Siry kümmert sich daher um die gezielte Ausbildung von Lehrern und Erziehern. Erfolgreich laufen entsprechende Seminare bereits fürs Personal an Kindertagesstätten. Schon 500 Teilnehmer konnte Siry hier zählen. Auch Grundschullehrer hat er im Blick und hofft, auch für diese Zielgruppe bald Fortbildungen anbieten zu können.

Männervereine überaltern

Im Kreis Bad Kreuznach gibt es momentan rund 100 Chöre, bei denen sich Ab- und Neuanmeldungen die Waage halten, berichtet Kreis-Chorvorsitzender Herbert Drumm. Problematisch ist indes auch im Kreis, dass die traditionellen Männerchöre überaltert sind und nach und nach aus der Chorlandschaft verschwinden. Dafür bilden sich auch in unserer Region Projektchöre aus. „Manche bleiben für einen Auftritt zusammen, andere proben länger gemeinsam. Das ist ganz unterschiedlich“, weiß Drumm.

Klar ist für ihn aber auch: Das Vereinsleben verändert sich momentan mit den schwindenden Männerchören grundlegend. „Früher stand bei den Mitgliedern das Engagement im Verein im Vordergrund“, so Drumm. Inzwischen aber gehe es den Sängern meist nicht mehr um die Gemeinsamkeit nach den Proben und Auftritten, sondern um diese selbst. Darüber hinaus werde sich nicht noch für einen Verein eingesetzt.

Für die Zukunft visiert Drumm eine engere Zusammenarbeit mit den Schulen an, um junge Chorsänger zu finden. „Mit der Musikschule Mittlere Nahe wollen wir einen Kreisjugendchor ins Leben rufen“, erzählt er. Jungen und Mädchen würden bereits angesprochen. Und beim nächsten großen Konzert im Rahmen des Kultursommers soll, das wünscht Drumm sich, das Kreisjugendorchester einbezogen werden. Doch das ist noch nicht spruchreif, da über das Programm seitens der Veranstaltungsleitung noch entschieden wird.

Oeffentlicher Anzeiger (Ost) vom Donnerstag, 17. November 2016, Seite 14