Überzeugungstat eines Chorleiters

Überzeugungstat eines Chorleiters

Hab oft im Kreise der Lieben in duftigem Grase geruht
und mir ein Liedlein gesungen, und alles war hübsch und gut.
Hab einsam auch mich gehärmet, in bangem, düsteren Mut,
und habe wieder gesungen, und alles war wieder gut.
Und manches, was ich erfahren, verkocht ich in stiller Wut,
und kam ich wieder zu singen, war alles auch wieder gut.

Diesen Worten, welche - aus der Feder des Adalbert von Chamisso stammend - in einer Vertonung von Friedrich Silcher unter dem Titel "Frisch gesungen" Einzug in das deutsche Volksliedgut gehalten haben, ist nichts mehr hinzuzufügen, da sie bereits alle positiven Eigenschaften des Singens auf das seelische Gleichgewicht des Menschen aufzählen:

  1. Singen ist eine gesellige Angelegenheit („Hab oft im Kreise der Lieben...“) und auch bestens dazu geeignet, abzuschalten und zu entspannen - nach einem wohlverbrachten geselligen Abend mit lieben Menschen und viel Gesang fühlt man sich gleich viel besser ("…und alles war hübsch und gut.").
  2. Singen ermutigt und gibt Kraft, es vertreibt Sorgen und Ängste (siehe Strophe 2) - einige mit Begeisterung gesungene Lieder helfen diesbezüglich mehr als einige Liter Alkoholika.
  3. Singen beseitigt schlechte Laune und Wut (Strophe 3), beim Einzelnen wie auch in einer Gruppe - somit birgt das gemeinsame Singen in sich die Möglichkeit, Spannungen zu lösen und Zerstrittene zu versöhnen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß so manches, was die Menschen in die Sprechzimmer der Psychologen treibt, mit Singen ebenso therapiert werden kann, und dies sogar wesentlich billiger!

Nun ja, Singen ist gut und schön, aber bitte wo?

  • Im Badezimmer in der Wanne? - Nein, das könnte den Nachbarn oben drüber oder unten drunter, sollte er in einer vergleichbaren Räumlichkeit zugegen sein, bei (ge-)wichtigen Erledigungen stören.
  • Vielleicht ist es beim Duschen besser, da hört er es nicht so sehr - aber halt, dies ist zu gefährlich, denn zu schnell hat man sich dabei verschluckt!
  • Oder beim Bügeln, Kehren, Spülen und vergleichbar monotonen Haushaltsarbeiten? - Einfach probieren; wenn dabei der Hund das Jaulen anfängt, die Katzen sich unter dem Sofa verstecken und die Kinder kreischend das Zimmer verlassen und freiwillig bei strömendem Regen auf den Hof rennen, dann empfiehlt es sich, seine gesanglichen Ambitionen nur noch beim Staubsaugen auszuleben, vorausgesetzt, daß dieser völlig veraltet ist und einen Lärmpegel in einer Phonstärke erzeugt, die der eines sich auf die Rollbahn begebenden Düsenjägers in 5 Meter Entfernung entspricht.

Die einzig wirklich sinnvolle Möglichkeit zu singen, so glaube ich, besteht beim Autofahren, denn wer dabei singt,  verbessert nicht nur seine eigene Laune, sondern auch die vieler Passanten. Wer dies nicht glaubt, dem lege ich folgendes Experiment nahe:

Fahren Sie doch mal am Morgen zur besten Berufsverkehrszeit an eine auf Rot geschaltete Ampel und singen, während Sie warten, voller Inbrunst bei zumindest leicht geöffnetem Fenster oder Schiebedach. Sie werden überrascht sein, wieviel  herzhaft lachende Menschen Ihnen entgegenkommen!
Ach ja, das habe ich ganz vergessen: Vielleicht sind die meisten sängerisch ambitionierten Menschen für ein derartiges Experiment viel zu schüchtern! Was machen denn die? Im Auto fehlt ihnen der Mut und zu Hause mangelt es ihnen an der Toleranz seitens der Mitbewohner. Doch auch für solche Sangesfreunde gibt es eine Möglichkeit, sich wenigstens 1 bis 2 mal pro Woche sängerisch zu betätigen, wobei ihnen nicht nur Toleranz, sondern sogar Anerkennung entgegengebracht wird: In einem Gesangverein!

Diese gibt es in fast jedem Dorf und in jeder Stadt. Es handelt sich dabei um Gemeinschaften, in denen sich Geselligkeit und Leistungsfähigkeit nicht gegenseitig ausschließen, sondern eine Einheit bilden, genauso wie ihnen das Kunststück gelingt, musikalische Höchstleistungen zu vollbringen. Obwohl, wenn man den Aussagen ihrer Mitglieder Glauben schenkt, nur die wenigsten von ihnen gut singen können - oder wie es ein Chorleiter, der mich im Alter von 16 Jahren für den von ihm geleiteten Männerchor anwerben wollte, ausdrückte und damit mein Argument, daß ich gar nicht singen könne und dem Chor nur schaden würde, entkräftete: “Mir könne all' net singe, aber wenn mir zusamme singe, dann klingt dat gut - hör´s Dir doch mal an!”

Ich hörte es mir an und die Folge davon war neben der regelmäßigen Teilnahme an Proben und Auftritten ein mehrjähriges Gesangstudium und eine Ausbildung zum Chorleiter - Singen wurde zu meiner Leidenschaft!

Die Mitarbeit in einem Gesangverein kann also durchaus Weichen für die Zukunft stellen - und dies nicht nur für Musiker, denn in einem Chor singen Menschen unterschiedlichster Bildung und Altersstufen, die durchaus über Kontakte verfügen, von denen andere Chormitglieder profitieren können. So manche Arbeits-, Lehr- oder Praktikantenstelle, sowie günstiger Wohnraum und weitere nützliche Dinge sind auf diese Weise schon vermittelt worden! Hilfsbereitschaft und Treue einem Verein und seinen Mitgliedern gegenüber wird eben von diesen auch mit Treue und Hilfsbereitschaft belohnt! Daher müßten Gesangvereine eigentlich auch für Jugendliche eine gewisse Attraktivität haben?
Dem Argument vieler Jugendlicher, sie hätten deshalb keine Interesse daran, in einen Gesangverein zu gehen, weil dort zu viele Rentner und zu wenig junge Leute mitsingen, kann ich zweierlei entgegenhalten:

  1. Vielfach versteht sich die Jugend mit ihren Großeltern wesentlich besser, als mit ihren Eltern, weil ältere Menschen so manches gelassener sehen als das den Berufszwängen unterworfene Mittelalter. Viele Rentner im Chor sind in diesem Zusammenhang dann doch kein Nachteil, sondern ein großer Vorteil!
  2. Wenn keine Jugend zum Chor geht, wird es niemals eine Chorjugend geben!

 

Soviel zur Jugend, nun zum bereits erwähnten Mittelalter:
Von diesem höre ich so oft: “Ich bin ein großer Freund eures Gesanges, aber ich habe zu wenig Zeit zum Singen; wenn ich später mal mehr Zeit habe oder in Rente gehe, dann komme ich!” Denen gebe ich zu bedenken, daß, was ja inzwischen jedem hinreichend bekannt ist, fast alle Chorvereinigungen große Nachwuchsprobleme haben, und daß es in einigen Jahren keine Gelegenheit mehr geben wird, in einem ortsansässigen Chor zu singen, weil sich dieser inzwischen mangels singender Mitglieder auflösen mußte...
...und somit wäre ein bis dahin fester Bestandteil des dörflichen/städtischen Lebens und seiner Kultur verlorengegangen. Was sehr schmerzhaft ist, denn immerhin blicken viele unserer Vereine auf eine über 100-jährige ereignisreiche  Geschichte und Tradition zurück, so lange schon bereichern sie das kulturelle Leben in ihren Städten und Dörfern - wie trostlos wären doch die Jubiläen, Festlichkeiten und besonderen Gottesdienste, wenn sie nicht mehr von unserem Gesang umrahmt würden!
Wer also noch viele Jahre Freude an den gesanglichen Leistungen seines ortsansässigen Chores haben möchte, der sollte ihn auch schnellstmöglich mit seiner Stimme unterstützen!
Ich hoffe, daß diese Gedanken von vielen am Gesang interessierten Bürgern gelesen werden und sich diese dazu angespornt fühlen, mal in eine Chorprobe hineinzuschnuppern. Und so wünsche ich, anknüpfend an den vorangegangenen Text, allen Chören viele neue Sängerinnen und Sänger, damit der Fortbestand auch für die nächsten Jahre gesichert ist und unser aller Gesang weiterhin dazu dient - ganz dem eingangs zitierten Lied “Frisch gesungen” entsprechend - den Singenden wie den Zuhörenden Freude zu bereiten, Mut zu machen, zu versöhnen und die Geselligkeit zu fördern.

Gerade in einer Zeit wirtschaftlicher und beruflicher Ungewißheit und einer zunehmenden Zukunftsangst brauchen die Menschen solche streßfreien Inseln zum Ausspannen, zum regenerieren und zum Wiederherstellen des seelischen Gleich-gewichtes!
Denen, die kurz davor sind, an der derzeitigen Situation zu verzagen und pessimistisch in die Zukunft sehen, möchte ich jetzt zum Abschluß dieses Grußwortes die anfänglich vorenthaltene 4. (und letzte) Strophe des Liedes “Frisch gesungen” ans Herz legen:

Sollst uns nicht lange klagen, was alles Dir wehe tut,
nur frisch, nur frisch gesungen, und alles wird wieder gut!

Also dann: Auf geht´s zur Chorprobe, ganz bestimmt gibt es in Ihrer Nähe einen Chor, der sich über ihren Besuch freuen wird!
An dieser Stelle ist ein Nachwort von Nöten: Diese Überzeugungstat eines Chorleiters fand ich in einer virtuellen Schublade, die mit „Themenspeicher“ beschriftet ist. Rasch kam die Erinnerung zurück, wer dies schrieb (es war Rolf Lepnikov, bei dem ich mich nochmals herzlich bedanke!) und zu welchem Behufe ich mir diesen netten Beitrag erbeten habe. Ich gebe ihn weiter mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verfassers, daß der Text zum Zwecke der Mitgliederwerbung von allen genutzt werden darf.